Was Bayern morgen braucht

Den Technologiewandel gestalten

Die Digitalisierung durchdringt alle Technologie-, Lebens- und Arbeitsbereiche. Sie ist zentrale Treiberin für alle Schlüsseltechnologien, wird aber auch tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen nach sich ziehen. Der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft hat sich deshalb als aktuelles Leitthema zur Aufgabe gemacht, in einem Digitalen Zukunftsentwurf aufzuzeigen, welche Rahmenbedingungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik erforderlich sind, um Innovationen zu fördern und in Wertschöpfung am Standort umzusetzen.

Als erstes Schwerpunktthema wurde Big Data gewählt. Darunter versteht man Datenmengen, die zu groß oder zu komplex sind oder sich zu schnell ändern, um sie mit den herkömmlichen Methoden der Datenverarbeitung auszuwerten. Ihre Verarbeitung dient dazu, nützliche Informationen zu gewinnen und einen Mehrwert zu schaffen, selbst wenn die Datenmengen zunächst unstrukturiert, fehlerhaft oder unvollständig sind. Der Einsatz von Big Data­-Methoden  eröffnet so neue  technologische und ökonomische Potenziale, die für nahezu alle Branchen Relevanz besitzen. Der mögliche Nutzen reicht von einer Optimierung unternehmensinterner Prozesse bis hin zu gänzlich neuen Geschäftsmodellen. Der Wachstumsbeitrag wird enorm sein, wenn heute die Weichen richtig gestellt werden.

Als Ausgangspunkt für die Überlegungen des Zukunftsrats dient die Studie Big Data im Freistaat Bayern – Chancen und Herausforderungen. Sie analysiert die Leistungsfähigkeit des Forschungsstandorts und die tatsächliche Anwendung der neuen Technologie in den Unternehmen. Erörtert werden dabei ökonomische Effekte und Hemmnisse, rechtliche Rahmenbedingungen und Reformansätze.  Die Studie  zeigt auf, dass die Voraussetzungen im Freistaat zwar günstig sind, in vielen Bereichen aber erheblicher Nachholbedarf besteht, um eine internationale Spitzenposition zu erreichen.

Der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft gibt Orientierung angesichts großer Herausforderungen durch den demografischen Wandel, Energie-, Ressourcen- und Klimafragen sowie durch neue Technologien und globalisierten Wettbewerb. Vor allem die Digitalisierung aller Wirtschafts- und Lebensbereiche erzeugt Umwälzungen von ungekanntem Ausmaß und Geschwindigkeit. Das aktuelle Leitthema des Zukunftsrats ist daher ein digitaler Zukunftsentwurf, der diesen Wandel abbildet und geeignete Strategien für Bayern entwickelt. Der erste Schwerpunkt liegt dabei auf dem Thema Big Data. 

Die international herausragende Stellung des Freistaats Bayern unter den Technologieregionen beruht auf der fortwährenden Erneuerung unserer Unternehmen. Big Data ist der Schlüssel zur Entwicklung innovativer hybrider Geschäftsmodelle quer durch die Branchen und Technologiefelder. Deshalb muss Bayern zur europäischen Leitregion für Big-Data-Technologien und -Anwendungen werden. Dieses Ziel sollte sich auch die Bayerische Staatsregierung setzen. Die Voraussetzungen dafür sind am Standort gegeben.

Durch die Weiterentwicklung des Forschungsstandorts, die Bildung entsprechender Förderschwerpunkte, die gezielte Unterstützung des unternehmerischen Mittelstandes auch bei der Zusammenarbeit mit IT-Unternehmen und die Anpassung des Rechtsrahmens werden die passenden Rahmenbedingungen geschaffen. Auch die Gesellschaft ist zur Debatte aufgefordert, denn Digitalisierung und Big Data betreffen jeden Einzelnen. Mit den vorliegenden Handlungsempfehlungen möchten wir den Anstoß dafür geben, dass Bayern in der digitalen Zukunft der führende Innovationsstandort ist.

Ein Turm, 312 Tausend Kilometer hoch, der fast bis zum Mond reicht! So muss man sich die heute weltweit verfügbare Datenmenge von ca. 12 Zettabyte = 12.000.000.000 Terabyte vorstellen, würde man sie in 1 Terabyte-Festplatten mit je 2,6 Zentimeter Höhe aufstapeln. Und ungebremst ist das weitere, hochexponentielle Wachstum. Wir sind im Big-Data-Zeitalter angekommen, das lautlos aus der digitalen Revolution entsprungen ist. Wir leben in einer wahrlich schwindelerregenden Epoche der Menschheitsgeschichte.

Das Land der Ingenieure und Naturwissenschaftler, seinerseits aus der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts hervorgegangen, langsamer und leichter „begreifbar“ damals, ist mit fundamental neuen Herausforderungen konfrontiert. Die überkommenen, bewährten Denk- und Handlungsmuster sind überholt. Arbeits- und Industriestrukturen lösen sich auf an den Konturen, an denen wir uns bisher festhalten konnten. Das Weltgeschehen ist im Begriffe, sich neu zu sortieren, mit tiefgreifenden Einwirkungen in unser aller Leben.

Ohnmächtig aber sind wir nur dann, wenn wir nicht die historischen Chancen ergreifen, die uns das neue Datenmeer eröffnet. „Big Data“ bedeutet nämlich auch, dass wir uns in der komplexen Welt besser zurechtfinden, wenn wir die Datenflut zu strukturieren lernen und daraus neue Muster und Gesetzmäßigkeiten ableiten, um etwa in einer personalisierten, genomdatengestützten Medizin gesundheitliche Schwachstellen zu erkennen und zu überwinden. Oder um intelligente, vernetzte Fabriken zu entwerfen, autonom fahrende Kraftfahrzeuge zu bauen oder mit dem „Precision Farming“ die Landnutzung von morgen an die exponentielle Bevölkerungsentwicklung anzupassen. Tatsächlich kann jeder einzelne Lebens- und Wirtschaftsbereich menschlicher werden, wenn wir das im Datenmeer versteckte, schon heute schier endlose Wissen sinnvoll extrahieren und damit dem technischen Fortschritt seinen neuen Sinn geben.

Die Bayerische Staatsregierung hat die Chancen erkannt. Mit der Digitalisierungsoffensive Bayern Digital hat sie ein markantes Ausrufezeichen für die Zukunft gesetzt. Auf die bayerische Wirtschaft bezogen, kommt es im Big-Data-Zeitalter auf unternehmerischen Mut als der neuen Grundeinstimmung der Gesellschaft an. Von größter Wichtigkeit ist die Einbeziehung der kleinen und mittelständischen Wirtschaftsunternehmen in den technischen Fortschritt, um deren Überleben im scharfen internationalen Wettbewerb zu sichern. Es ist gut, dass die Weichenstellungen durch die Akteure in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft hierzulande gemeinsam erfolgen!

Die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hat ihren Zukunftsrat beauftragt, unter Mitwirkung der Prognos AG jene Handlungsfelder zu identifizieren, die für die Entwicklung einer Innovationsgesellschaft mitten in Europa an der Spitze der Agenda stehen müssen. Die Mitglieder des Zukunftsrats sind international ausgewiesene Fachexperten, die mehrheitlich in Bayern wirken und das Land kennen. Die vorliegenden Handlungsempfehlungen zu den Big-Data-Technologien und -Anwendungen sind teils strategischer, teils aber auch sehr konkreter Art. Abermals hatte der Zukunftsrat die Chancen für Bayern als Flächenland im Blick, er beschränkt sich also nicht auf die wirtschaftlichen Ballungszentren, so wichtig diese sind. Die digitale Revolution als Hauptdeterminante der künftigen Arbeits-, Produktions- und Lebensweisen ermöglicht erstmals in der Geschichte die aktive Integration des Einzelnen in gesamte Prozessabläufe. Andererseits wird das digitale Zeitalter tief greifende Veränderungen in unser aller Lebensgestaltung bewirken, mit neuen Chancen und neuen Risiken, unvermeidlich janusköpfig freilich.

Der Zukunftsrat versteht die Handlungsempfehlungen als Einladung zur gesamtgesellschaftlichen Debatte über eine technologiegetriebene Zukunft unter gänzlich neuen Rahmenbedingungen von internationaler Dimension. Big Data bedeutet vor allem auch, dass die historisch bedingte gegenseitige Abgrenzung der herrschenden Wirtschaftsdomänen verschwindet – zugunsten neuer, wissensbasierter Entwürfe. Jeder einzelne Bürger ist gefragt, denn nie zuvor hat der unternehmerische Spirit einen so unmittelbar individuell nutzbaren Fundus gehabt wie im Big-Data-Zeitalter, in dem wir leben.